Tradition 60 Jahre Ford Taunus 17 M (P2)

24.04.2017 - Wolfram Nickel/SP-X

Ausgerechnet von seiner Kölner Filiale musste sich Ford-Amerika 1957 zeigen lassen, wie modische Straßenkreuzer konstruiert werden.

Während Dearborn damals mit dem Ford Edsel einen der größten Flops der Automobilgeschichte landete, schrieb der erste Ford Taunus 17 M eine Erfolgsstory als barocker Chrom-Kreuzer - sogar in den USA!

SP-X/Köln. Elvis Presley brachte es auf den Punkt: „All Shook Up“, lautete sein Nummer-eins-Erfolg in den Rock'n'Roll-Charts des Jahres 1957 und ebenso shook up bzw. aufgewühlt war damals die Autowelt. Wollte sich doch Ford mit gleich zwei neuen, aber geradezu verstörend gegensätzlichen Modellreihen diesseits und jenseits des Atlantiks neu erfinden - und so den Erzrivalen General Motors überholen. Waren es in Amerika vermeintlich avantgardistische europäische Formen, die den Ford Edsel zur Lifestyle-Insignie gesellschaftlicher Aufsteiger machen sollten, setzte die Kölner Ford-Filiale für ihr neues Flaggschiff Taunus 17 M (P2) auf klassischen Chrom-Glamour amerikanischer Art.
 

Foto © Ford

Dieser erste 17 M war ein Mini-Straßenkreuzer mit ausladenden Karosserieüberhängen, Peilkanten und Heckflossen, der barocke Pracht zu kleinem Preis bot. Ein aus dem Ford-Hauptquartier in Dearborn angeordnetes Design, das bei deutschen Wohlstandsbürgern der Wirtschaftswunderjahre ankam, die den in zahlreichen Karosserieformen angebotenen Kölner 1,7-Liter-Vierzylinder zum Shootingstar der Mittelklasse machten. Daran konnten auch Spottnamen wie Gelsenkirchener Barock für die De-Luxe-Variante in vollem Chrom-Glitter oder Niehler Nacktarsch für die ungeschmückte Basisversion nichts ändern. Der amerikanisierte Taunus wurde ein Bestseller – unter dem Slogan „It´s German-Made!“ sogar im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dagegen fiel dem Ford Edsel die Rolle eines tragischen Helden zu, für einige Fachleute ist er sogar der größte Flop der Automobilgeschichte. Zu kurios waren vor allem die Konturen des V8-Cruisers, der vergeblich versuchte, vertikale europäische Kühlergrills zu kopieren.
 
So kam für den Edsel trotz rekordverdächtig hoher Entwicklungskosten nach nur zwei Jahren das Aus, während sich Ford Deutschland durch den Taunus 17 M dauerhaft in der anspruchsvollen Mittelklasse verankerte. Tatsächlich verkörperte der Taunus 17 M den Traum vom Wohlstand nach amerikanischem Vorbild so vollkommen, dass er die Ford-Verkaufszahlen schneller als erhofft aus einem Formtief befreite, denn Ford war 1956 hierzulande hinter Fiat zurückgefallen. Bis die Kölner Autobauerzum härtesten Herausforderer der damaligen General-Motors-Tochter Opel aufstiegen, sollten zwar noch viele Jahre vergehen, aber der Anfang war gesetzt.
 
Schon die zweite Generation des Taunus 17 M lieferte sich das erste Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Opel Rekord. Eine Konkurrenz, die von Beginn an sogar in Nordamerika ausgetragen wurde, wo Mercury-Händler den Vertrieb des Ford übernahmen und Buick den Opel anbot. Immerhin gelang es Ford und GM mit diesen Europäern in amerikanisiertem Design, gegen die anstürmenden Compacts aus Schweden, Frankreich und Großbritannien sowie den VW Käfer Achtungserfolge zu erzielen. Besonders bemerkenswert ist dabei die Begeisterung, die der als „großer Reisewagen neuen Stils“ beworbene Taunus 17 M erzielte. Diese modische Heckflosse trug ihr Markensignet mit den Kronen der Heiligen drei Könige, deren Schrein sich im Kölner Dom befindet, in 87 Länder auf alle Kontinente.
 

Foto © Ford

„Die Welt wählte den Taunus 17 M!“, feierte Ford Deutschland die Verdreifachung seiner jährlichen Exportzahlen in großformatigen Anzeigen. Auch in Deutschland ging es in der Absatzstatistik steil bergauf, vor allem aber in den Marktanteilen. Waren es bei Einführung des 17 M noch 7,8 Prozent, kletterte dieser Wert bis 1960 auf 10,2 Prozent. Beste Basis für die beiden folgenden Generationen des Ford-Flaggschiffs den Marktanteil auf 18,5 Prozent zu treiben. Eine Zahl für die Ewigkeit, denn damit wäre Ford heute härtester Rivale von VW.
 
„Lieben Sie flotten Foxtrott? Der große Ford kommt aus der amerikanischen Styling-Kiste, weicht aber auf kurvigen Strecken keinen Fingerbreit vom Weg ab“, fasste ein Fachjournalist seine Eindrücke von der Pressefahrvorstellung des 17 M (P2) zusammen. Enthüllt wurde das mit 4,38 Meter Länge überraschend kurz ausgefallene Ford-Flaggschiff bei einer Show im Kölner Stadtwald-Restaurant. Trotz der Designanleihen von den US-Modellen Ford Custom und Fairlane natürlich ohne aufrührerischen Rock'n'Roll der Jugend, dafür mit gesellschaftsfähigem Foxtrott, den die Schlagersängerin Gitta Lind in einem eigens getexteten Song vortrug: „Fahren auch Sie den neuen Taunus“. Tatsächlich gab es als Pressegeschenk sogar eine Single, die das Fahrverhalten des ersten deutschen Ford mit vorderen McPherson-Federbeinen lobte. Und der technische Direktor von Ford, Jules A. Gutzeit, prägte den Slogan vom „Fliegenden Teppich“. Waren doch die Limousinen und Kombis nicht nur weich abgestimmt, sie mussten auch Vier-Meter-Weitsprünge von einer Schanze bewältigen.
 
Die Medien waren zufrieden und die Rennfahrerlegende Hans Stuck resümierte, dass er die Ford-Schlaglochteststrecke mit keinem Sportwagen der Welt schneller fahren könne. Harte Zeiten für Opel Olympia Rekord, Borgward Isabella und die in Deutschland langsam beliebter werdenden Importe wie den Peugeot 403, prophezeiten verschiedene Experten, zumal der 17 M auch bei der Kraftübertragung durch die Optionen automatische Kupplung „Saxomat“ und Borg-Warner „Overdrive“ mondänen amerikanischen Lifestyle bot. Ebenfalls aus den USA kam die Idee des schicken Kombis für Familie und Freizeit, die der Ford 17 M deutlich stylisher umsetzte als der bereits etablierte Opel Caravan. Und wer die Extravaganz eines Cabriolets schätzte, konnte seine „de-Luxe“-Limousine beim Karossier Deutsch öffnen lassen. Wohlstand für alle Aufsteiger, das sollte dieser Ford verkörpern, weshalb er als eines der ersten Fahrzeuge überhaupt im Fernsehen beworben wurde.
 

Foto © Ford

Wirklich preiswerter Luxus, wie ihn damals amerikanische Kaufhausketten à la Woolworth anboten, dafür stand der 44 kW/60 PS leistende und gerade einmal 125 km/h schnelle Taunus 17 M allerdings nicht. So war er deutlich teurer als der zeitgleich erneuerte Opel Olympia, der deshalb Messlatte in den Mittelklasse-Verkaufscharts blieb und dessen Design trotz zeitgeistiger Panoramascheiben eine höhere Halbwertzeit hatte als der zerklüftete gezeichnete Kölner Chromkreuzer. Zumal diesem obendrein ein zu hoher Benzinverbrauch nachgesagt wurde. Ford besserte nach, spendierte nach nur zwei Jahren eine flottere Dachlinie und einen modifizierten Zylinderkopf für niedrigere Verbrauchswerte, die nun mit acht Liter pro 100 Kilometer Klassenstandard erreichten. Als Viertürer fand der 17 M jetzt vermehrt beim Taxigewerbe Fans, während die Verkehrspolizei den geräumigen Taunus Kombi schätzte, um die sperrigen ersten Radaranlagen zu tarnen.
 
Nach nur drei Sommern und rund 240.000 Einheiten war die Zeit 17 M (P2) vorüber. Mit vollkommen neuem Stromliniendesign beendete der Ford Taunus 17 M (P3) – die sogenannte „Badewanne“ - im Herbst 1960 die Ära amerikanischer Karosseriewülste und etablierte Ford als drittgrößten Automobilhersteller in Deutschland. Der Gelsenkirchener Barock wurde zum Ladenhüter – in den Ford-Gebrauchtwagenabteilungen ebenso wie in den Möbelhäusern. (Wolfram Nickel/SP-X)

Chronik:
1955: Das Design für das neue Flaggschiff von Ford Köln wird finalisiert, in dem Wünsche der amerikanischen Konzernzentrale berücksichtigt werden. Die Linie soll dem „Forward Look“ der Ford-USA-Typen entsprechen mit seitlichen Zick-Zack-Chromleisten 
1957: Im August präsentiert Ford der Presse im Kölner Stadtwald-Restaurant sein erstes Mittelklassemodell der Nachkriegsära, den Taunus 17 M. Die Preisliste beginnt bei 6.650 Mark. Die Publikumspremiere erfolgt auf der Frankfurter IAA. Der Karossier Deutsch baut ein 2+2-sitziges Cabriolet, das über Ford vertrieben wird zu Preisen ab 9.950 Mark. Insgesamt werden im ersten Jahr 16.520 Ford 17 M (P2) gebaut
1958: Im Januar Produktionsstart des Taunus 17 M als viertürige Limousine. Im Februar beginnt die Fertigung des Taunus 17 M in Standardausführung mit identischem Kühlergrill und Rückleuchten wie de Luxe-Version. Im Juni beginnt der Export nach Nordamerika. Ford produziert in diesem Jahr 81.133 Ford Taunus 17 M (P2), der Ford Marktanteil bei Pkw in Deutschland steigt von 7,8 auf 8,1 Prozent
1959: Das Ford Taunus 17 M Cabriolet wird eingestellt. Im Februar erhalten 17 M und 17 M de Luxe einen einheitlich gestalteten Kühlergrill. Im September Facelift für den Taunus 17 M, erkennbar am flacheren Dach bei den Limousinen, neu gestaltetem Interieur, um 70 Kilogramm gewichtsreduzierter Karosserie und Motor mit neuem Zylinderkopf. Optional ist ein Stahlschiebedach statt des bisherigen Stoff-Faltdachs im Angebot. Die Jahresproduktion des 17 M (P2) beträgt 78.833 Einheiten 
1960: Im September Produktionsauslauf. Nachfolger wird der Taunus 17 M (P3) in sachlichem Design, beworben als „Linie der Vernunft“ und vom Volksmund „Badewanne“ genannt. Ford produziert in diesem Jahr 63.487 Ford Taunus 17 M (P2) und bereits 29.957 Taunus 17 M (P3), der Ford Marktanteil bei Pkw in Deutschland steigt auf 10,2 Prozent. Insgesamt wurden vom ersten Taunus 17 M (P2) 239.973 Einheiten gebaut, davon 45.468 Kombis
 
Typenliste Ford Taunus 17 M (P2):
zweitürige Limousine 17 M bzw. 17 M de Luxe (Typ P2 T bzw. Typ P2 TL), viertürige Limousine 17 M bzw. 17 M de Luxe (Typ P2 F bzw. Typ P2 FL), zweitüriger Kombi mit geteilter Heckklappe 17 M bzw. 17 M de Luxe (Typ P2 KO bzw. Typ P2 KOL), zweitüriger Kastenwagen (Typ P2 KA) und zweitüriges Cabriolet 17 M de Luxe vom Karosseriebauer Deutsch.
 
Preise Ford Taunus 17 M (P2):
17 M zweitürige Limousine ab 6.550 Mark (1957) bzw. ab 6.485 Mark (1959);
17 M viertürige Limousine ab 7.090 Mark (1958) bzw. ab 6.825 Mark (1959);
17 M Kombi ab 6.990 Mark (1957) bzw. ab 6.785 Mark (1959);
17 M de Luxe zweitürige Limousine ab 7.190 Mark (1957) bzw. ab 6.805 Mark (1959);
17 M de Luxe viertürige Limousine ab 7.690 Mark (1957) bzw. ab 7.145 Mark (1959) 
 
Technische Daten Ford Taunus 17 M (P2):
Limousine bzw. Kombi der Mittelklasse; Länge: 4,38 Meter, Breite: 1,67 Meter, Höhe: 1,50 bzw. 1,47 (ab 1959) Meter, Radstand: 2,60 Meter, Kofferraumvolumen: 490 Liter (Limousine) bzw. bis 1.800 Liter (Kombi);
1,7-Liter-Vierzylinder-Benziner, 3-Gang- bzw. 4-Gang-Getriebe, optional Overdrive, optional Automatik, 44 kW/60 PS, Vmax: 125 km/h, Normverbrauch: 9,2 bzw. 8,8 (ab 1959) Liter Super/100 Kilometer.

 

Kommentare
Es sind noch keine Kommentare vorhanden.
Hier können Sie einen Kommentar verfassen

Bitte gegen Sie mindestens 10 Zeichen ein.
Welche Farbe hat das Meer?

Ein viertüriger Alfa mit mehr Vmax als ein Ferrari-Formel-1-Renner? Der Alfa 164 machte es in Monza möglich und das mit reinrassiger F-1-Technik.

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 19.04.2017

Deutschland ist ein Oldtimer-Land. Nach einer Statistik des Verbandes der Automobilindustrie waren am 1.1.2017 so viele Fahrzeuge mit H-Kennzeichen unterwegs wie noch nie. Doch welcher ist der beliebteste Klassiker?

Kategorie: News , eingestellt am 10.04.2017

Coupés sind die Haute Couture des Automobils, wie gerade das neue Mercedes E-Klasse-Coupé demonstriert. Gleich zwei erfolgreiche Vorgänger dieses eleganten Zweitürers ohne B-Säule feiern jetzt Jubiläum.

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 10.04.2017

Egal, ob An- oder Verkauf, Frühjahrsputz oder Reinigung von Bauteilen: Oldtimer bedürfen einer intensiven Pflege und halten so manche Überraschungen bereit. Wir haben die Reinigung mit Trockeneis unter die Lupe genommen.

Kategorie: Ratgeber , eingestellt am 10.03.2017

Der VW Käfer ist ein echter Klassiker, der auch immer die Blicke auf sich zieht. Gerade die legendäre Haltbarkeit und Pflegeleichtigkeit lässt viele überlegen, den Käfer einfach als Youngtimer (oder sogar Oldtimer) im Alltag zu fahren.

Kategorie: Ratgeber , eingestellt am 09.03.2017

Die Scheiben beschlagen in der kalten Jahreszeit extrem oft. Ein klares Zeichen, dass das Auto von Feuchtigkeit befallen ist - diese kann schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Dabei gelangt das Wasser sehr oft unbemerkt ins Auto.

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 09.03.2017

Unsere Redakteure haben sich umgehört und mit Liebhabern von Oldtimern gesprochen, die E10 Kraftstoff tanken. Zwischenfälle gab es mit dem Kraftstoff noch nicht.

Kategorie: Ratgeber , eingestellt am 09.03.2017

Günstige Versicherungsbeiträge, weniger Steuern und freie Fahrt in den Umweltzonen deutscher Großstädte - für Oldtimer-Fahrer kann all das problemlos möglich werden.

Kategorie: Ratgeber , eingestellt am 18.02.2017

Viele Menschen lieben ältere Autos, und nicht jeder kann sich gleich den teuren Porsche aus den fünfziger Jahren leisten. Sogenannte Youngtimer aber können einen preisgünstigen Einstieg in die Oldtimerwelt ermöglichen.

Kategorie: Ratgeber , eingestellt am 14.02.2017

Seit der Jahrtausendwende erleben Fahrzeuge der Siebziger Jahre, einen regelrechten Boom. Aber nicht alle. Die meisten Autos werden einfach nur alt und landen irgendwann auf dem Schrottplatz. Einige wenige Exemplare haben das Zeug zum Kultauto.

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 13.02.2017