Diese Klassiker erhalten 2018 ein H-Kennzeichen

03.01.2018 - Wolfram Nickel/SP-X

Was für ein Jahrgang! Vor 30 Jahren fuhren so viele Supersportler wie nie zuvor an den Start. Hubraumstarke V12- und V8-Maschinen und kräftige Coupés feierten ein Comeback, Allradantrieb durchdrang alle Klassen und Cabriolets kamen in Mode. Jetzt sind die Neuen von damals Oldtimer und H-Kennzeichen-Kandidaten

VW CorradoSP-X/Köln. Die schönste Art in einen Stau zu fahren findet sich für die meisten Autofahrer abseits von Autobahnen und werktäglicher Rush-hour. Es sind die oft endlosen Schlangen vor den Parkplätzen für Oldtimer-Festivals oder die Kolonnen klassischer Fahrzeuge, die auf ihre Bewertung bei Rallyes oder Concours d'Elegance warten. Alte Autos faszinieren offenbar alle, Familien mit bescheidenem Budget ebenso wie wohlhabende Sammler. Entsprechend rasant vermehren sich Fahrzeuge mit H-Kennzeichen, jenem Signet, das rollendes historisches Kulturgut auszeichnet. Erteilt wird das Oldtimerkennzeichen seit nunmehr genau zwei Jahrzehnten für Fahrzeuge, die mindestens 30 Jahre alt sind, sich aber auch im technisch einwandfreien, originalen Zustand befinden. Neben möglichen finanziellen Vergünstigungen und freier Fahrt in Umweltzonen auch ohne Katalysator symbolisiert das H-Kennzeichen für viele Fans schlicht die Freude am Oldtimer, weswegen es bereits gut 400.000 Klassiker ziert. 2018 feiern über 100 neue Modelle ihren 30. Geburtstag, allesamt Kandidaten für das Veteranen-Kennzeichen. Von Alfa bis Volvo, vom Zweizylinder bis zum V12, vom 8.500 Mark billigen Fiat 126 bis zum 444.000 Mark teuren Ferrari F 40, vom vergessenen Gemini bis zum Wartburg mit VW-Motor ist alles dabei. Vor allem aber Vmax für die Überholspur.


Skoda Favorit„Von 0 bis zu Tante Elli in 15 Minuten: Selbst mit einem Rennwagen schafft das meine Mammi nicht schneller“, grinste der Grundschüler im gerade einmal 43 kW/58 PS abgebenden Skoda 135 G Coupé. „Wovon Männer träumen“, textete die Nissan-Werbung 1988 zum schnellen 300 ZX Turbo Racer, an dessen Fenster sich zwei Schuljungen die Nase platt drückten während die Freundin frustriert auf den Boden blickte. Vielleicht hätte die junge Dame einfach auf die Suzuki-Werbung schauen sollen. Dort versprach das fröhliche SJ 413 Cabrio Ferienspaß für vier Jahreszeiten mit aufblasbarer Badeinsel, pinker Reisetasche und Wintersportausrüstung. Drei Marketingmotive, die alles kommunizierten, was das Autojahr ausmachte, in dem Steffi Grafi den Grand Slam und Olympisches Gold holte und Boris Becker mit Carl-Uwe Steeb Deutschland den Davis-Cup sicherte: Maximale Sportlichkeit, Allrad in allen Klassen, mehr Cabriolets für Sonne im Leben und vor allem Freizeit-Fun. Das alles mit dem bis dahin größten und am besten gegen Korrosion geschützten Modellangebot auf dem deutschen Markt. Entsprechend bunt und spannend sind 30 Jahre später die H-Kennzeichen-Anwärter.

Selbst die Sammler rarer superschneller Renner wie Aston Martin Virage, Ferrari F40, Lamborghini Countach 25th Anniversary, Maserati Karif, oder Porsche 959 könnten für ihr Garagengold Wert auf ein „H“ legen, ist es doch derzeit das beste Mittel gegen den europaweit wachsenden Flickenteppich aus Fahrverboten für Altautos. Gleiches gilt für die Besitzer aller Boliden, die 1988 freie Bahnen für deren überschießendes Temperament forderten, darunter BMW M3 Cabrio (E30) und M5 (E34), Audi Coupe Quattro, Jaguar XJS-Cabriolet, Mercedes-Benz 190 E 2.5-16, Porsche 911 Carrera Speedster und Toyota Supra Turbo. Bemerkenswert war die Selbstverpflichtung vieler Autobauer, die Beschleunigung bei 250 km/h per Abregelung zu beenden. Schließlich waren die Diskussionen um das Waldsterben und ein allgemeines Tempolimit noch nicht verklungen. Auch deshalb gab es nun immer mehr Modelle serienmäßig mit Abgaskatalysator.

Audi V8Ein Trend, bei dem die neue Liga der Luxuslimousinen vorweg fuhr. War die Mercedes-Benz S-Klasse bislang ultimatives deutsches Monument automobiler Macht, geschaffen für Konzernvorstände, Kanzler und Könige, musste sie sich diese Rolle nun teilen mit dem neuen Audi V8, dem noch frischen Zwölfzylinder-BMW 750i, den zur Jahreswende 1988/89 vorgestellten japanischen Herausforderern Lexus LS 400 und Infiniti Q45 und dem erneuerten Cadillac De Ville. Anlass für die Marke mit Stern, mit dem 560 SEL einen 5,6-Liter-V8 vorzustellen, der kräftiger war als der Rolls-Royce Silver Spirit.

Am anderen Ende des Marktes findet sich ein Meer mit Klassikern für Knauserer, die Sparen mit Spaß und Stil verbinden. Denn in einem Jahr, als Glitzerstoffe und Lycra in knalligen Farben Mode machten und Karl Lagerfeld über das Label KL bezahlbare Designermode in die Schaufenster brachte, wurden auch Knausertypen cool. Etwa der billige Skoda Favorit im begehrenswerten Bertone-Dress, der klassische Wartburg mit neuem VW-Motor für frische West-Exporterfolge, der originelle Fiat Tipo (Slogan „Mehr Ideen pro PS“), der 3,30 Meter kurze Suzuki Alto als kürzester Fünftürer, der Renault 19 mit einem vollkommen neuen französischen Qualitätsanspruch, der Mazda 121 mit riesigem Faltdach als Herald des kommenden Kia Pride und der billige Isuzu Gemini als ebenso frecher wie kurzlebiger Golf-II-Diesel-Herausforderer.

„Lieben Sie Überraschungen? Ja? Dann freuen Sie sich auf den neuen Volvo 440!“ Tatsächlich überraschte der kompakte Volvo mit fortschrittlichem Frontantrieb und Turbo-Temperament – und alle Schwedenfans mit Renault-Motoren und einem niederländischen Fertigungsstandort. Eine Erfolgskombination, wie die Volvo-Zulassungszahlen zeigten. Noch erfolgreicher waren die Niederländer 1988 nur im Fußball. Bei der Fußball-EM im eigenen Land verlor die Beckenbauer-Elf damals im Halbfinale gegen Holland, das auch den Titel holte. Auch im Motorsport gab es Überraschungen: In der Formel 1 holte Ayrton Senna seinen ersten Titel mit McLaren-Honda und in der Rallye-WM fuhr Lancia mit einem Delta HF 4WD den Ford Sierra RS Cosworth, Audi quattro, Opel Kadett GSI und VW Golf GTI 16V davon. Tatsächlich gab es alle Rallyekämpen auch als zivile Straßenversionen und die wenigen bis heute Überlebenden werden künftig das H-Kennzeichen als neue Trophäe tragen.
Opel Vetra
Nicht nur der WRC-Champion setzte 1988 auf Vierradantrieb, Allrad war allgemein angesagt wie noch nie. Ob neues Audi Coupé, Citroen BX, Ford Scorpio, Opel Vectra, Porsche 911, Renault Espace, Subaru Justy oder VW Passat (B3), 4x4-Technik lag im Trend. Das galt auch für Geländegänger, wie die Neuzugänge Jeep Cherokee, Nissan Patrol GR, Range Rover 3.9, Suzuki Vitara oder Toyota 4-Runner zeigten. Stehen heute Sports Utilty Vehicles (SUV) dem Namen nach für Sportlichkeit im Alltag, waren es damals schnelle Coupélinien. Allen voran die neuen deutschen Nachwuchssportler Ford Probe und VW Corrado.

Let the Sunshine in: Im Sommer 1988 ging die freudlose Dekade geschlossener Blechbüchsen allmählich zu Ende. Oldtimer-Enthusiasten wird es freuen, können sie doch ab 2018 erstmals viele frühe Frischluftmodelle mit Katalysator durch ein „H“ adeln lassen. Dabei Alfa Spider, BMW Z1, Chrysler´s TC by Maserati, Jaguar XJ-S, Mazda RX-7, Porsche 944 S, TVR S und natürlich die vielen etablierten offenen Viersitzer wie VW Golf, Opel Kadett, Ford Escort, BMW 325i oder Saab 900. Sonnige Aussichten für die Klassikerszene! (Wolfram Nickel/SP-X)

Neue H-Kennzeichen-Kandidaten im Jahr 2018:

Alfa Romeo Spider Kat., Aston Martin Virage, Audi Coupé, Audi Coupé quattro, Audi V8, Bitter Type 3 (Serienstart), BMW M3 Evolution (E 30), BMW M3 Cabriolet (E 30), BMW Z1 (Produktionsstart), BMW 5er (E 34), BMW M5 (E 34), Buick Regal und Riviera in Neuauflage, Cadillac De Ville und Brougham in neuer Generation, Chevrolet Camaro Convertible, Chevrolet Corvette ZR1 32 V, Chrysler New Yorker/Landau, Chrysler's TC by Maserati (Serienstart), Citroen BX 4x4, Daihatsu Feroza 4WD, Dodge Spirit, Donkervoort D10, Ecosse Signature, Excalibur Grand Limousine, Ferrari F40 (Produktionsbeginn), Fiat Tipo, Ford Thunderbird in Neuauflage, Ford Mustang III GT/LX 5.0 V8, Ford Probe, Ford Sierra Cosworth 4x4, Honda Legend Coupé (Marktstart), Hyundai Sonata, Infiniti M30 (Dezember), Infiniti Q45 (Dezember), Isuzu Gemini, Jaguar XJ-S Cabriolet, Jaguar XJ 220 seriennaher Prototyp, Jeep Cherokee, Kia Pride, Lada Samara 5-türig, Lamborghini Countach 25th Anniversary, Lexus ES 250 (Dezember), Lexus LS 400 (Dezember), Maserati Karif, Mazda 121, Mazda 626 Kombi, Mazda RX-7 Cabrio (Serienstart), Mazda MPV, Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 (W 201), Mercedes-Benz 560 SE/SEC (W 126), Mercury Cougar Neuauflage, MG Maestro/Montego 2.0 Turbo, Middlebridge Scimitar GTE, Mitsubishi Lancer Fließheck, MVS Venturi Cabriolet, Nissan Pao, Nissan Maxima, Nissan Prairie (Neuauflage), Nissan 200 SX/Silvia (Neuauflage), Nissan Skyline GTS, Nissan Laurel (Neuauflage), Nissan Patrol GR, Nissan Terrano Europaversion, Oldsmobile Cutlass Supreme, Opel Vectra, Panther Solo (Marktstart), Panther Kallista 1.6 (Marktstart), Peugeot 405 Break, Pontiac Grand Prix (Neuauflage), Porsche 944 S Cabriolet/944 S2, Porsche 911 Carrera Speedster, Porsche 911 Carrera 4, Range Rover 3.9 Liter, Reliant Scimitar 1.8 T.i., Renault 19, Renault 21 Nevada, Renault Espace Quadra, Rover 800 Fastback, Saab 9000 CD Limousine, Skoda Favorit (Marktstart), Skoda 135 G Coupé, Subaru Rex Kompressor/Minijumbo, Subaru XT6, Suzuki Alto (Neuauflage), Suzuki Swift (Neuauflage), Suzuki Vitara, Toyota Corolla RV 4WD (Tercel-Nachfolger), Toyota Carina II, Toyota Mark II/Camry (Neuauflage), Toyota Supra Turbo, Toyota Crown (Neuauflage), Toyota 4-Runner, TVR S 2.9 Convertible, TVR Tuscan,  Vauxhall Vectra, Volvo 440, VW Corrado, VW Passat (B3), VW California (T3), Wartburg 1.3 (VW-Viertaktmotor), Yugo Florida.

Mercedes 560 SE Fotos: 

Foto © VW
Foto © Skoda
Foto © Audi
Foto © Opel
Foto © Daimler

Kommentare
Es sind noch keine Kommentare vorhanden.
Hier können Sie einen Kommentar verfassen

Bitte gegen Sie mindestens 10 Zeichen ein.
Wie viele Stunden hat ein Tag?

Wenn die Tage kürzer und feuchter werden, erhalten die meisten Oldtimer und Cabrios ihre Winterpause. Doch bevor es für einige Monate in die Garage geht, sollte man seinem Schätzchen noch ein kleines Fitnessprogramm verpassen.

Kategorie: Ratgeber , eingestellt am 11.12.2017

Gute Nachricht für Oldtimer-Fans: Die teuersten Klassiker waren 2017 günstiger als im Jahr zuvor. Schlechte Nachricht: Sie kosteten trotzdem noch einen Koffer voll Geld. Aber auch im Einsteigermarkt ist Bewegung.

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 04.12.2017

Die Faust im Nacken ließen beide Heckantriebssportler spüren, der eine mit V8-Power, der andere als Sechszylinder-Boxer. Welcher ist der ultimative Supersportwagen? Vor 30 Jahren kam es zum Showdown zwischen dem Porsche 911 Turbo und dem 928 S4.

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 15.11.2017

Vor dem Vergessen bewahren den Ford Escort seine Erfolge als wilder Rallye-Reiter mit kuriosem Kühlergrill in Hundeknochenform. Viel wichtiger war aber einst seine Rolle als Herausforderer von Kleinwagenstars wie Käfer und Kadett.

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 06.11.2017

Sie sind die ewigen Klassiker aus dem kühlen Norden. Zwei Kontrahenten, die technisch nicht unterschiedlicher sein konnten, sich aber beide als sichere und widerstandsfähige Wikinger verstanden. Tatsächlich erwiesen sich Saab 99 und Volvo 140 als so langl

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 24.10.2017

Mit dem T-Modell wagte sich Mercedes auf neues Terrain, denn nie zuvor hatte die Marke luxuriöse Kombis gebaut. Vor 40 Jahren schien die Zeit reif für ein feines Freizeitmobil. „T“ wie Touristik und Transport hieß die fünftürige Version der W 123-Reihe of

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 12.10.2017

Keinem anderen Konzern ist im 21. Jahrhundert ein so gewaltiger Sprung nach vorn gelungen wie Hyundai und Kia. Ein Erfolg, der die koreanischen Tiger hungrig auf die Spitze macht. Längst haben sie deshalb VW ins Visier genommen. Das hätten sich die Entwic

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 09.10.2017

Porsche und Ferrari fanden als erste die Power, die 300-km/h-Schallmauer einzureißen und rekordverdächtig schnelle Tempobolzer auf Autobahnen zu schicken. Die Antworten von Aston Martin, Bugatti, Jaguar und Lamborghini ließen nicht lange auf sich warten.

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 26.09.2017

Zeit für einen Blick in den Rückspiegel, als sich der kleine Polo wie ein großer Popstar immer wieder neu erfunden hat. Ob als Vatermörder, Harlekin, Sparfuchs, Rallyechampion oder Ökopionier, dieser VW ließ es auch nie an Drama fehlen.

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 20.09.2017

Eine Skizze des VW-Importeurs Ben Pon bescherte der Transporterwelt den vielleicht kultigsten Lastenesel aller Zeiten. Der VW Bulli beförderte alle, gleich ob Handwerker im Wirtschaftswunder, Hippies im Summer of Love oder Firmenbosse und Familien

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 28.08.2017

Mit dem Prinz gelang dem größten Motorradhersteller der Welt vor 60 Jahren der Umstieg in die Pkw-Produktion, mit den Wankel-Wagen Spider und Ro 80 schrieb NSU Technikgeschichte. Ein Rückblick auf die Marke, die auch Mazda und Alfa beschleunigte.

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 24.07.2017

Als Minimalauto konzipiert, als Kultauto reanimiert, zum Nationalsymbol stilisiert, im Retrolook in den zweiten Frühling gefahren: der 1957 vorgestellte Fiat 500 hat in seiner Karriere Großes geschafft und gilt als Inbegriff des italienischen Käfers

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 03.07.2017

Er war der europäische Mustang. Der Capri katapultierte Ford nach vorn in den Verkaufsstatistiken und bezwang als Turbo im Tourenwagensport sogar Porsche. Vor 30 Jahren endete der Verkauf des furiosen Fastback-Coupés, das die Männerwelt begeisterte.

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 26.06.2017

Ohne Mazda wäre der Kreiskolbenmotor wahrscheinlich längst vergessen. Mazda machte den Wankel zum weltweiten Millionseller. Eine Erfolgsstory, die vor 50 Jahren mit dem Mazda Cosmo Sport begann, deren letztes Kapitel aber noch nicht geschrieben ist

Kategorie: Allgemein , eingestellt am 29.05.2017