70 Jahre Porsche

09.07.2018 - PeterMaahn/SP-X

Von der Hinterhofgarage in der Steiermark zum weltweit größten Sportwagenhersteller: Jetzt feiert Porsche den 70. Geburtstag. Und lebt immer noch nach der Devise: Uns braucht keiner, aber jeder will uns haben.

Der Porsche 356, als Coupé, Roadster oder puristischer Speedster, wurde schnell ein Teil des Wirtschaftswunders der FünfzigerjahreSP-X/Stuttgart. Europa 1948, der schlimmste Krieg der Geschichte ist drei Jahre vorbei. Die Luftbrücke versorgt Berlin, die neue D-Mark wird im Westen eingeführt und Konrad Adenauer wird der starke Mann in Westdeutschland. Niemand interessierte sich dafür, dass im österreichischen Gmünd ein kleines Auto mit zwei Sitzen und einem 35-PS-Mittelmotor seine allgemeine Betriebserlaubnis erhält. Es trägt die Fahrgestellnummer 356-001 und ist noch ein Prototyp. Das amtliche Dokument weist das Datum 8. Juni 1948 aus und ist so etwas wie die Geburtsurkunde von Porsche, des heute größten Sportwagenherstellers der Welt.

Der Mann hinter dem Projekt Sportwagen wird heute hoch verehrt, heißt Ferry Porsche und ist der Sohn des genialen Konstrukteurs und VW-Erfinders Ferdinand Porsche. In Gmünd, wohin sich die Familie nach Ende des Krieges zurückzogen hatte, erfüllt er sich einen Traum. Er will in die Fußstapfen des Vaters treten, aber einen Sportwagen bauen. Und der ist heute wie der „Käfer“ des Papas eine Ikone und ein Meilenstein im Automobilbau. Weil es die 356. Konstruktion ist, bekommt das silbern glänzende Auto eben diese Modellnummer. Drei Ziffern, die heute noch ein Lächeln ins Gesicht jedes Porsche-Fans zaubern. Die viel magischere Zahl 911 stand damals noch in weiter Ferne.

Ferdinand Alexander Porsche mit 911-Entwurf 1968Gar nicht zum Lächeln ist die recht düstere Familienchronik des Porsche-Clans. Vater Ferdinand, der als Hitlers Lieblingsingenieur galt, wurde unter anderem beschuldigt, während des Krieges die Deportation von französischen Zwangsarbeiter ins deutsche Volkswagen-Werk und die Verschleppung von Peugeot-Direktoren in ein KZ veranlasst zu haben. Der frühere SS-Oberführer kam nach Kriegsende vor ein französisches Gericht und wurde nach Jahren der Haft von allen Vorwürfen freigesprochen. Doch die Bühne gehörte jetzt seinem Sohn.

Ferry Porsches Traumauto 356 baut auf dem inzwischen wieder angelaufenen VW Käfer auf. Viele Teile, wie zum Beispiel die Scheinwerfer, stammen von ihm. Auch der Boxermotor, der aber im Porsche immerhin 35 PS leistet. Die Karosserie über einem Gitterohrrahmen prägt heute noch das Porsche-Gesicht: Scheinwerfer, die aus Kotflügeln gleichsam herauswachsen, eine steil stehende, zunächst zweigeteilte und geknickte Windschutzscheibe, ein kurzes, leicht abfallendes Heck. Dorthin ist zum Serienstart 1950 auch der Motor gewandert. Die Luftgitter auf der Motorhaube werden somit zum einem weiteren Markenzeichen des 356 und seiner Nachkommen.

Der Porsche 356, als Coupé, Roadster oder puristischer Speedster, wurde schnell ein Teil des Wirtschaftswunders der Fünfzigerjahre, war auch im Ausland begehrt, vor allem in den USA. Im Heck immer ein Boxermotor, der in der ersten Serie zwischen 29 kW/40 PS (1,1 Liter Vierzylinder) bis 51 kW/71 PS (1,5 Liter Hubraum) leistete, Maximaltempo zwischen 140 bis 170 km/h. Zum Ende des Modelllebens, zwei Karosserieversionen weiter, protzte ein Zweiliter-Boxer mit 96 kW/130 PS, mit dem der Zweisitzer dann die 200 km/h-Schallmauer durchbrach. Bis 1965 baute Porsche rund 78.000 Sportwagen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der 356 längst auch die Rennpisten erobert. Die „24-Stunden von Le Mans“ gewinnt er in verschiedenen Klassen allein 19 Mal.

Ferry Porsche (links) mit Sohn Ferdinand AlexanderDie Zeit war reif für einen Nachfolger, der den Zeitgeist „schneller und stärker“ besser bedienen konnte als der in die Jahre gekommene 356. Als der erste neue Porsche 1963 zum Star der Frankfurter IAA avancierte, lagen sechs Jahre Entwicklungszeit hinter ihm. Der 901 war zwar klar als Abkömmling des 356 zu erkennen, schrieb aber in der kleinen Garde der Sportwagen ein völlig neues Kapitel. Kräftig und trotzdem geschmeidig, schnell und schnittig, aber rundum alltagstauglich. Unter dieser Nummer ist er allerdings nie erschienen. Peugeot hatte die „Null“ zwischen zwei anderen Ziffern gepachtet und protestierte mit Erfolg.

Das Design des zum Serienstart in „911“ umgetauften Neulings stammt von Ferry Porsches Sohn Ferdinand Alexander, der sich damit ein Denkmal setzte. Die Form des 911 wird heute noch in Designschulen in einem Atemzug mit VW Käfer, den Flaschen von Coca-Cola oder des Mundspülmittels Odol, aber auch mit Apples iPhone genannt. Unverwechselbar und selbst mit verbundenen Augen nur durch Abtasten zu identifizieren. Seine Linie ist bis heute aktuell, auch wenn der „Elfer“ immer größer und mit jedem Modellwechsel leicht verändert wurde.

Aus der Stuttgarter Sportwagenschmiede war inzwischen längst eine technische Denkfabrik geworden, deren Entwicklungen auch außer Haus verkauft wurden. Vor allem aber widmete sich die Heerschar an Ingenieuren den eigenen Produkten. Der Boxermotor wurde immer weiterentwickelt, bekam eine Wasserkühlung, arbeitete mit Turboladern zusammen und wird heute von einer ausgeklügelten Elektronik gesteuert. Der erste 911 Turbo leistete schon 1974 aus einem Dreiliter-Sechszylinder 191 kW/260 PS und war 250 km/h schnell. Ein heutiger Carrera holt aus einem gleichgroßen Triebwerk 272 kW/370 PS und schafft fast die 300 km/h. Das aktuell stärkste Turbomodell toppt diese Werte mit 397 kW/540 PS und 320 km/h.

Immer noch sind der 911 und seine Varianten eine tragende Säule im Geschäft des jetzt zu VW gehörenden Unternehmens, obwohl sich andere Porsche inzwischen besser verkaufen. Die SUV-Modelle Cayenne und Macan, aber auch die Luxuslimousine Panamera spülen das Geld in die Firmenkasse, das auch dem 911 ein Überleben ermöglicht.

Ferry Porsche (Mitte), sein Vater Ferdinand Porsche (rechts) und Erwin Komenda (links) 1948 vor dem 356 Nr. 1 in GmündDenn Porsche stand schon einmal an Abgrund. Der „Elfer“ lief nicht mehr so rund, die Modelle 924, 944 oder auch 928 (alle mit Frontmotoren) in den späten Siebziger-Jahren galten in den Augen vieler Fans nicht als „echte“ Porsche. Zwar gab es in den Achtzigern weiterhin Siege auf der Rennstrecke, sogar zweimal den Formel-1-Titel mit Niki Lauda und Alain Prost, aber die Geschäfte stockten. Erst als der in der Autobranche weithin unbekannte Manager Wendelin Wiedeking 1992 den Chefposten in Zuffenhausen übernahm, kam die Wende. Er ließ den 911 weiterentwickeln und stellte ihm die Mittelmotor-Modelle Boxster und Cayman an die Seite. Gleichzeitig erkannte er rechtzeitig den Trend zum SUV und landete 2002 mit dem Cayenne einen Verkaufshit. Mit der viertürigen Limousine Panamera forderte er zudem die Edel-Karossen von Mercedes oder BMW heraus. Porsche war gerettet, musste dann aber trotzdem unter das gewaltige Dach des VW-Konzerns schlüpfen.

 

Jetzt feiert Porsche seinen 70.Geburtstag und steht dennoch mit dem Rücken zu Wand. Kann ein Sportwagenhersteller den Wechsel zur Elektromobilität schaffen? Ja, sagt Porsche-Chef Oliver Blume und verspricht, dass auch ein elektrisch angetriebener Porsche ein echter Sportwagen sein wird. 2020 erscheint das Sportcoupé Taycan, das mit je einem E-Motor pro Achse auf 441 kW/600 PS kommen und ein Reichweite von rund 500 Kilometer haben soll. Hauptgegner ist natürlich das Model S von Tesla. Und der 911, der im letzten Jahr die Grenze von einer Million produzierter Fahrzeuge übersprang? Baureihen-Chef Thomas Krickelberg ist optimistisch und prophezeit dem Dauerbrenner ein langes Leben „Wir entwickeln den Boxermotor ständig weiter und werden dabei auch auf elektrische Komponenten zurückgreifen, die den 911 effektiver und sauberer machen.“.

 

(Peter Maahn/SP-X)

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