120 Jahre Automobilsalon Paris

24.09.2018 - Wolfram Nickel/SP-X

Paris, eine Wiege des Automobils. Auf dem ältesten Automobilsalon der Welt wurden die Motorwagen in Fahrt und in faszinierende Form gebracht. Weit über 3.000 Modelle feierten in der Kapitale der Haute Couture und der stylischen Massenkonfektion seit 1898 Premiere. Hier ist die Revue der Meilensteine.

Porsche 911 Turbo ab 1974  Foto: Porsche AGSP-X/Köln. Welche Automobilmesse ist die wichtigste? Weder die Frankfurter IAA noch New York, Tokio oder Peking, sondern Paris. Das besagen jedenfalls die siebenstelligen Besucherzahlen der global ältesten Autoschau, die zunächst als Teil der Weltausstellung Universal Expo die allerersten Patent-Motorwagen von Benz und Daimler bekannt machte. Vor 120 Jahren avancierte die Motorfahrzeugmesse dann zum Internationalen Autosalon mit einem damals spektakulären Stresstest der Exponate auf der Strecke Paris-Versailles. Ein rundes Jubiläum, das die heute Mondial Paris genannte Messe am 30. September 2018 glanzvoll feiern will. Dazu präsentiert sich am Place de la Concorde eine Parade der schönsten Klassiker aus zwölf Jahrzehnten. Wem eine virtuelle Reise in die glamouröse Vergangenheit der automobilen Designshow genügt, der findet hier eine Revue der zwölf größten Fahrzeugpremieren aller Zeiten unter dem Eiffelturm:

Der Peugeot Bébé von 1913  Foto: PeugeotEpoche 1898-1928: Peugeot Bébé von 1913
Kein Herbst ohne neue automobile Haute Couture aus der Hauptstadt von Prêt-à-porter und Fashion Week, wussten schon die Hersteller der frühen Motorwagen. Seit 1901 wurde der Pariser Automobilsalon in der imperialen Architektur des Grand Palais an der Avenue des Champs-Elysées ausgetragen. Hier zelebrierten die legendären Luxusfahrzeughersteller im Ambiente der Art Nouveau stilvollen Pomp und Prunk. Aber auch die Kleinwagen zeigten sich erstmals in wegweisendem Schick, allen voran der Peugeot Bébé. Nur „einen Sous pro Kilometer“ – dieses Werbe-Versprechen machte den von Ettore Bugatti entworfenen Bébé zum ersten für breitere Käuferschichten erschwinglichen Kleinwagen. Rund 3.100 Fahrzeuge produzierte Peugeot von seinem Kleinsten und sicherte sich so einen Spitzenplatz in diesem Fahrzeugsegment.

Der Renault 4 CV "Cremeschnittchen" ab 1946  Foto: RenaultEpoche 1928-1948: Renault 4 CV von 1946
Weder die Weltwirtschaftskrise noch die düstere Zeit des zerstörten Nachkriegseuropas konnten den Glanz des Automobilsalons im Pariser Kristallpalast beeinträchtigen. Die französische Modemetropole blieb wichtigstes Podium für neue Designtrendsetter und bezahlbare Fließband-Fahrzeuge. Mehr als eine Million Autofahrer mobilisierte als erstes französisches Modell der 1946 vorgestellte Renault 4 CV. Der kultige Heckmotor-Mini ging kurz nach dem VW Käfer in Serienproduktion und begeisterte auch viele deutsche Käufer, die den verführerischen Viertürer liebevoll Cremeschnittchen nannten. Diesem winzigen Familienfahrzeug verdankt Renault den Aufstieg zu einem der weltgrößten Kleinwagenhersteller.

Epoche 1948-1958: Citroen 2 CV von 1948 und Citroen DS 19 von 1955
In der technikbegeisterten Aufbruchstimmung der 1950er Jahre machten die französischen Staatspräsidenten aus dem Salon ein politisches Ereignis, das an nationaler Bedeutung nicht zu übertreffen schien. In exklusiven Soireen wurden prominenten Gästen automobile Innovationen und faszinierendes Design präsentiert. 
Darunter waren gleich zwei Premieren von Citroen. Wie verführerisch Verzicht sein kann, bewies 1948 der Citroen 2 CV. Dieser Zweizylinder-Boxer mit Kosename Ente steht wie kein anderer Klassiker für französische Lebensart, Flower Power und die Freude an kuriosen Formen. Karge 7 kW/9 PS genügten der frühen Ente, Segeltuch ersetzte Sitzpolster und die Scheibenwischer wurden von Hand betätigt. Entsprechend polarisierend wirkte der minimalistische Citroen, was aber seinen Erfolg als meistverkauftes Modell der Marke nur förderte.

Citroen 2 CV "Ente" ab 1946  Foto: Citroen Communication/Georges GuyotDie Präsentation des Citroen-Spitzenmodells DS im Jahr 1955 glich dem Auftritt einer technologischen Göttin der Zukunft (im Französischen klingt DS wie déesse, also „Göttin“). Weit über eine Millionen Salonbesucher wollten die flammende und futuristische Schönheit dieser stromlinienförmigen Limousine mit hydropneumatischem Fahrwerk bestaunen. Die DS revolutionierte die Autowelt und wurde zum einzigartigen Star des Salons: 12.000 Bestellungen am Ende des ersten Messetages sind bis heute Rekord.

Epoche 1958-1968: Alpine A110 von 1962 und Jaguar XJ von 1968
Platzmangel plagte den Laufsteg für automobile Designjuwelen. Und so zog der Autosalon in die großzügigen Hallen an der Porte de Versailles mit Showfläche für bis zu zwei Millionen Besucher. Dennoch drängten sich die Sportwagenfans 1962 um den ultimativen französischen Straßensportwagen, die Alpine A110. Mit dieser flachen Flunder mit Polyesterhaut und Renault-Motoren erreichte Alpine fast alles, was einen elitären Sportwagen ausmacht: Titeltriumphe bei der Rallye-Weltmeisterschaft und bei Rundstreckenrennen, reinrassige Renntechnik in der Straßenversion, schnelle Formen für Enthusiasten – und ein Revival in Form der Alpine des Modelljahrs 2018.

Der perfekte proportionierte Jaguar XJ6 überlebte drei Generationen, weil sich nicht einmal Stardesigner Pininfarina an einen echten Nachfolger für die 1968 vorgestellte Stilikone wagte. Tatsächlich war es nie allein die gestreckte Silhouette einer Raubkatze im Sprung, sondern auch der außergewöhnliche Mix aus monumentalen Motoren mit bis zu zwölf Zylindern und einem Interieur in feinster englischer Art, die den XJ zum Herzstück von Jaguar machten.

VW Golf ab 1974  Foto: VW AGEpoche 1968-1978: VW Golf von 1974 und Porsche 911 Turbo von 1974 
Heckklappen können schick sein, das zeigten bereits die gallischen Hatchbacks Simca 1100 und Renault 5. Die richtigen Vorboten für den Volkswagen, der ab 1974 die Welt veränderte: Der Golf im Giugiaro-Design feierte an der Seine sein Messedebüt, avancierte zum Megaseller und wurde Vorbild für alle folgenden Kompakten.

Ausgerechnet zum Ende der ersten Ölkrise feierte 1974 der Porsche 911 Turbo seine Premiere an der Porte de Versailles. Der weltweit erste Seriensportwagen mit Turbolader bewies eindrucksvoll, dass maximale Höchstgeschwindigkeit auch in Zeiten rigider Tempobeschränkungen nichts an Faszination verliert. Mit 191 kW/260 PS Leistung, 250 km/h Spitze und einer Sprintzeit von unter sechs Sekunden auf Tempo 100 zählte der 911 Turbo als erster Porsche zum kleinen Club der Supersportwagen.

Epoche 1978-1988: Renault Espace von 1984
Mit monumentalen Großbauten veränderte Frankreichs Präsident Francois Mitterrand das Bild von Paris und mit dem Espace als erster europäischen Großraumlimousine löste Renault 1984 ein regelrechtes Van-Fieber aus. Keine Volumenmarke, die in den Folgejahren nicht ihren eigenen Raumkreuzer vorstellte, aber Renault blieb Vorreiter. Zumal sich der Espace mit Allradantrieb und Freizeitattributen auch als Pionier der Crossover-Bewegung bewährte.

Epoche 1988-1998: Skoda Octavia von 1996 
Die Mauern zwischen Ost und West fielen und die Globalisierung kam langsam in Gang. Weshalb sich die Messe nun Mondial de l’Automobile („Welt des Autos“) nannte. Bestes Beispiel für die schöne neue Welt offener Grenzen war der 1996 vorgestellte Skoda Octavia. Mit diesem fünftürigen Kompaktklassemodell stiegen die Tschechen unter dem Dach des Volkswagenkonzerns als erste Marke des ehemaligen Ostblocks zum global erfolgreichen Volumenhersteller auf.

Epoche 1998-2008: New Mini (BMW) von 2000 
Welcher Style bewegt sich zwischen gestern und morgen und war zur Jahrtausendwende angesagt wie nie zuvor? Richtig, das Retro-Design. Als BMW die Idee des englischen Mini von 1959 mit neuem Leben füllen wollte und gleich eine ganze Markenfamilie plante, konnte der Premierenort deshalb nur Paris sein. An diesem Hot Spot startete der stylische Cityflitzer im Jahr 2000 in sein neues Leben. Rund drei Millionen Käufer haben sich seitdem für den New Mini entschieden.

Epoche 2008-2018: Nissan Leaf von 2010 
Die Zukunft fährt elektrisch, postuliert die europäische Politik und angesichts drohender Fahrverbote für Verbrenner wächst das Angebot neuer Stromer inzwischen rapide. Nissan eröffnete mit dem Leaf schon 2010 das Zeitalter der Elektromobilität. Zwar war der Leaf nicht das erste batteriebetriebene Modell beim Pariser Automobilsalon, aber mit diesem Fünftürer gelang den E-Fahrzeugen der Durchbruch in die Massenfertigung. Als erste vollwertige Alternative zu konventionell angetriebenen Fahrzeugen ist der Nissan Leaf bis heute der meistverkaufte Stromer.

Wolfram Nickel/SP-X

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